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Jennifer Rostock

"Worst Of": Best Of The Rest mit Haltung

29.09.2017

10 Jahre Jennifer Rostock. Die Band feiert Jubiläum. Natürlich mit Haltung. Aus gegebenem Anlass gibt's deswegen keine der branchenüblichen Zusammenstellungen, die Fans das Geld für Musik aus der Tasche ziehen, die sie ohnehin schon besitzen. "Worst Of" ist ein brandneues Album.  Mit Songs, die im Laufe des letzten Jahrzehnts liegengeblieben waren und trotzdem so jung klingen, als ob sie vorgestern erst geboren worden wären.

Aus alt werde neu

Der Plan war simpel: Alles, was im Laufe des Bandbestehens an ungenutzten Ideen entstanden war, wurde zusammengekratzt und nach Gefallen durchforstet. Mit den alten Ideen, die nie gut ausgegoren genug gewesen waren, um Platz auf einem der bisherigen fünf Studioalben gefunden zu haben, ging die Band ins Studio. Eine Woche lang. Die Zeit wurde bewusst knapp bemessen. Das "Worst Of Jennifer Rostock" hätte eine große Produktion schließlich nie und nimmer gerechtfertigt. Aber dann, nach besagter Woche, stieß das Resultat einstimmig auf überraschende Reaktionen: Huch, das ist ganz schön geil geworden! Aus der "Worst Of"-Idee entstand ein neues Album, mit dem Jennifer Rostock ziemlich glücklich sind. Wie gut, dass sich die Band selten bis nie an Konventionen orientierte! Das, was über die Jahre hier und da liegen geblieben war, ist nicht das Beste der schlechtesten Ideen, sondern das Beste der nicht fertig gereiften Songs. Ein "Worst Of" der besten Sorte, sozusagen. Mit schönem Gruß an alle Perfektionisten, die nichts auf die leichte Schulter nehmen. Oder mit anderen Worten: Groß klingt im Endeffekt nicht zwangsläufig, was großspurig erdacht wurde.

Musikproduktion im Akkord

Die Leichtigkeit mit der das Album entstand, manifestierte sich im Studio kontinuierlich in einem Running Gag: Jede Unsicherheit wurde mit der Gewissheit vom Tisch gejagt, dass ein "Worst Of" entstand. Es durfte entstehen, was entstehen wollte. Am Ende stellte die Band fest, dass sie ziemlich viele ziemlich gute Entscheidungen getroffen hatte, weil nicht alles totgedacht worden war. Ohne die Bürde, ein amtliches Album einspielen zu müssen, hatten Jennifer Rostock ein ganz schön amtliches Werk am Start. Aufgenommen im Akkord. Schlagzeuger Chris grundierte jeden Mittag zwei Stücke, die Gitarrist Alex Voigt und Bassist Christoph Deckert jeweils am Nachmittag ausformten, während Jennifer Weist ihre Parts abends einsang, bevor Joe Walter die finalen Keyboard- und Electronic-Feinheiten addierte. Das ursprüngliche Vorhaben, nur ein paar Singles oder EPs einzuspielen, wurde im Handumdrehen über Bord geworfen, als die Band ihrem Label sämtliche zehn fertig produzierten Songs erstmals vorspielte. Und wieder siegte die Klarsicht der Intuition. Nur ein Jahr nach dem letzten Album Genau in diesem Ton, das vollkommen berechtigt auf #2 der Bestenliste debütierte, mit dem "Worst Of" aufzuschlagen, ist, sagen wir mal, ungewöhnlich. Und absolut folgerichtig für eine Band, deren erarbeitete Autonomie das Ergebnis von sattsam geflossenem Herzblut ist.

Freudenfest der Hormone

Das jüngste Stück des "Worst Of" heißt "Die guten alten Zeiten", ursprünglich eine Art Skit, das es nicht aufs letzte Album geschafft hatte. Jennifers Vocoder-Stimme deklariert, dass Zeit ein Hurensohn ist, bevor ihr Gesang im Refrain Luftmoleküle wie eine Faust schlägt: "Alles geht vorbei, sag mir was bleibt". Der passend zum Jubiläum rückblickend-melancholische Spirit des Songs wird von der scheinbar sommerlich-beschwingten Single "Alles Cool" gebrochen, die bei genauerem Hinhören ein paar Seitenhiebe und Sozialkritik in petto hält.  Es geht um Frauen und Männer, kurzum ums Freudenfest der Hormone. Oder war's doch eine Trauerfeier? "Misogynie ist schließlich Teil unserer Kultur, ey!". Die "Worst Of"-Mischung aus Proberaum-Ästhetik, programmierten Beats und ganz rohen "Weltbilder"-Momenten, die nur mit Klavier und Stimme tiefgehen, summieren ein Kraftpaket, dessen musikalische Bandbreite weiter greift als in allen bisherigen Jennifer Rostock-Alben. Der Garagen-Charme von "Schockverliebt", wird vom Punkrocker "Wenn ich dein Gesicht sehe, denke ich an meine Faust" aufgegriffen, in dem es ordentlich auf die Fresse gibt. "Schlaflos Pt. 3" beleuchtet das Sujet der früher erschienenen Teile des Songs neu und sorgt für ein Wiederhören mit anderer Instrumentierung. Die Vocal-Chops in "Polarmeer" spiegeln als musikalisches Stilmittel wider, worum es inhaltlich geht: das Immerwiederkehren auf Eis gelegter Gefühle. "Flaschendrehen" ist das Sauf-Lied, mit dem die Band den Vorwurf auf die Spitze treibt, Leute zum Alkoholkonsum animieren zu wollen. "Haarspray" steht als Metapher für den letzten Fixierungsversuch einer Beziehung. "Dschungel" macht Mut, ein Zuhause in der Rastlosigkeit zu finden.

Veränderung als Dauerzustand

Apropos Rastlosigkeit. Jennifer Rostock definieren mit "Worst Of" auch nach 10 Jahren keinen Bestimmungsort. Weder inhaltlich noch musikalisch. Der Dauerzustand der Band ist die Veränderung. Früher schrieben sie ihren Namen mit halbstarker Hand an die Bushaltestellenwand. Heute schreiben sie ihre Historie als Band immer noch mit dem Bewusstsein weiter, nicht vorbestimmen zu wollen, was morgen ist. Natürlich unter professionelleren Bedingungen. Selbstverständlich mit größerem Erfahrungsschatz. Aber immer noch mit dem Hinterfragen von Strukturen und Grenzen. Letztere gilt es auch immer wieder einzureißen, wenn sie wie Korsette erscheinen, die Luft rauben. "Worst Of" heißt auch: Nichts ist in Stein gemeißelt, alles darf sein, ohne ersichtlichen Grund. Das Leben fragt ja auch nicht warum es leben soll. Deswegen darf das neue Album wie eine wunderschöne Frau flanieren - mit ausgestrecktem Mittelfinger in der Jackentasche. Der war für Jennifer Rostock nie Plattitüde, sondern immer Teil ihrer kollektiven Attitüde. Von der erzählt "Worst Of" so begeisternd wie nachhaltig: Wer, bitteschön, braucht eine Best Of?

Ab April 2018 gehen Jennifer Rostock mit ihrem "Worst Of" selbstverständlich auch auf Tour durch Deutschland, Österreich und Schweiz.

 

 

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