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Biographie

WYCLEF - Carnival III: The Fall and Rise of a Refugee

Seit über zwei Jahrzehnten gehört Wyclef Jean zu den kreativsten Vertretern der Popkultur. Als Solo-Künstler oder als Gründer und Mastermind der Fugees hat er unzählige Songs geschrieben und produziert, mit denen er selbst die schärfsten Kritiker der Szene überzeugen konnte. So schrieb 1996 Robert Christgau, der sonst für seine besonders bissigen Rezensionen berüchtigt ist, über The Score, das Debüt der Fugees: "Dieses Album ist wunderbar und der Mut, der aus den Songs spricht, kann dich zu Tränen rühren." Der überschwänglich gelobte Longplayer war in einem Studio im Keller von Wyclefs Onkel in New Jersey entstanden und entwickelte sich zum echten Megaseller. The Score kletterte auf Platz 1 der Billboard-Charts und fuhr mit drei Hitsingles (darunter die unvergessene Neueinspielung von Roberta Flacks 1973er Hit "Killing Me Softly") sechsfach Platin ein.

Mancher Künstler hätte dem Erfolgsdruck nachgegeben und ein Nachfolge-Werk präsentiert, das Sound und Stil des Hit-Albums kopiert. Aber anstatt den leichten Weg zu wählen, etablierte sich Wyclef nun als Produzent und Solo-Künstler, dessen Werk mit einer unglaublich vielfältigen Palette aufwartete. Wie es sich für ein musikalisches Ausnahmetalent gehört, machte er vor keinem Genre halt und integrierte Elemente aus Pop und Country, Folk, Disco, Latin oder elektronischer Musik in seine Kompositionen.

"Ich bleibe einfach in Bewegung", sagt er heute über sich. "Wäre nach The Score Stillstand eingekehrt, dann wäre euch allen der größte Popsong aller Zeiten durch die Lappen gegangen." Damit spielt Wyclef auf Shakiras Superhit "Hips Don't Lie" an, an dessen Entstehung er als Mitkomponist und Produzent beteiligt war und auf dem er sich mit einer Guest Appearance verewigte. Der Song eroberte 2006 in 20 Ländern weltweit die Spitze der Charts und krönte damit eine unfassbare Serie von Erfolgstiteln, an denen der Künstler mitgewirkt hatte, darunter "Ghetto Superstar" (Pras feat. Wyclef Jean), Carlos Santanas No. 1-Single "Maria, Maria" (featuring Jean und Product G&B), Whitney Houston's "My Love is Your Love" (mit Tochter Bobbi Kristina und Bobby Brown) und natürlich Wyclefs eigener Hit "Gone Till November".

Wyclefs Kreativität und Experimentierfreudigkeit bescherten ihm drei Grammy Awards, brachten ihn auf die Titelseite des Rolling Stone ("Top 50 Hip Hop Players") und verschafften ihm die Gelegenheit, mit Legenden der Musikgeschichte wie Michael Jackson, Queen, Mick Jagger, Paul Simon, Earth, Wind & Fire, Kenny Rogers oder Tom Jones zusammenzuarbeiten.

Als Solo-Künstler veröffentlichte er sechs Alben, die sich insgesamt fast neun Millionen Mal verkauften, darunter sein 1997er Debüt The Carnival und die 2000er LP The Eclectic: 2 Sides II a Book, das sogar den Action- und Wrestling-Helden The Rock - dank seines Beitrags auf der Hitsingle "It Doesn't Matter" - zum Popstar beförderte.
Doch Wyclef fokussierte sich nicht nur auf Solo-Projekte und etablierte Künstler, er hatte auch immer ein gutes Auge für neue Talente. So kurbelte er Beyoncés Karriere ordentlich an, als er Destiny's Child 1996er Hit "No, No, No" produzierte.

Nach achtjähriger Pause erscheint mit Carnival III: Fall and Rise of a Refugee (mit Emeli Sandé, Supah Mario, The Knocks, Lunch Money Lewis und DJ Khaled) wieder ein Solo-Album des umtriebigen Künstlers. Wenn sich ein Superstar so viel Zeit lässt, um ein neues Werk vorzustellen, fragen sich die Fans oft, ob er sich wohl aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen hat. In Wyclefs Fall ist die Frage unangebracht: "Ich gehe jeden Tag nach dem Aufstehen ins Studio und nehme Songs auf. Gitarre oder Piano sind immer in der Nähe. Ich schreibe immer, ich brauche das zum Überleben. Ich gehe nicht zum Therapeuten - meine Therapie besteht darin, mir die Gitarre zu schnappen und zu singen."

Der vielleicht schlagendste Beweis für Wyclefs überbordende Kreativität und seine künstlerischen Fähigkeiten, war die Kollaboration mit Carlos Santana, aus der der offizielle Song der Fußball-WM 2014 hervorging. "Dar Um Jeito (We Will Find a Way)" featurte außerdem den schwedischen DJ-Superstar Avicii und den brasilianischen Singer-Songwriter Alexandre Pires.
Ein paar Monate nach der VÖ von "Dar Um Jeito" taten sich Wyclef und Avicii wieder zusammen, um mit der elektro-akustischen Ballade "Divine Sorrow" erneut einen Hit zu landen. Der Track schlug auf YouTube ein wie eine Bombe: kaum war die Version mit Lyrics gepostet worden, hatten sie bereits 4 Millionen User angeklickt.

Getreu dem Motto "kein Jahr ohne Hit" präsentierte Wyclef 2016 den Track "Hendrix" als erste Auskopplung seiner EP J'Ouvert. Der Titel wurde weltweit mehr als 20 Millionen Mal gestreamt und auch Kritiker wie Edwin Ortiz vom Magazin Complex waren begeistert. Ortiz schrieb damals: "Wyclef verwandelt seine Inspiration in eine heiße Rock-Performance und demonstriert mit seinem Double-Time-Flow, dass er auch in Sachen Lyrics nichts von seinen Skills eingebüßt hat."

Wyclef hat die neue Generation von Musikern nicht nur mit Songs beliefert, er war für sie auch immer eine Quelle der Inspiration. Er hat junge Hip-Hop-Künstler wie Young Thug inspiriert, der den ersten Track seines 2016er Mixtapes JEFFERY nach seinem Mentor benannte und ihn für "Kanye West", den neunten Track des Mixtapes, mit ins Boot holte. Die kreative Verbindung zwischen den beiden Künstlern war so intensiv, dass sie sich später für "I Swear", die dritte Single aus J'Ouvert, noch einmal zusammentaten.

Man könnte es Wyclef nicht verdenken, wenn er sich für gewisse Zeit aus dem Rampenlicht zurückziehen würde. Denn es ist nie einfach, in der Schusslinie der Presseberichterstattung zu stehen, gerade wenn die eigene Person in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wird, wie dies im Jahr 2010 der Fall war.
Damals hatte ein verheerendes Erdbeben Haiti heimgesucht und mehr als 200000 Menschen getötet. Wyclef, selbst ein gebürtiger Haitianer, war in die Heimat geflogen, um sich vor Ort ein Bild von der Katastrophe zu machen und die Notleidenden zu unterstützen.
"Haiti brauchte Hilfe und ich wollte nicht als einer derjenigen Künstler in die Geschichte eingehen, die tatenlos zusehen und sich hinter ihren Songs versteckten." Also bewarb er sich im August offiziell um das Präsidentenamt des Landes, wurde aber abgelehnt, weil er nicht wie vorgeschrieben in den letzten fünf Jahren in Haiti gelebt hatte. Stattdessen unterstützte er nun die Kandidatur seines Freundes Michael Martelly und mit diesem Support machte er sich nicht nur Freunde. Kurz vor der Stichwahl musste er sich sogar im Krankenhaus behandeln lassen, weil man auf ihn geschossen hatte.
"Ich wurde wegen meines Engagements angefeindet, aber es ist besser, auf der richtigen Seite zu stehen, als beliebt zu sein. Die Geschichte wird die Wahrheit immer ans Licht bringen und Falschheit ist der erste Schritt, um aus der Erinnerung getilgt zu werden."

Der starke Wind, der Wyclef entgegenschlug, hatte bei seiner Rückkehr nach New York Spuren hinterlassen. "Ich hatte gedacht, ich könnte die Politik und die Rechtsprechung in Haiti verändern und war jetzt schwer angeschlagen. Ich wusste nicht mehr, wo ich stehe, bis ich mir klar machte: du bist jetzt auf dem Höhepunkt deiner musikalischen Karriere und nichts kann dich aufhalten."
Auch wenn sich Wyclef mit Midtempo-Tracks wie "Divine Sorrow," "Hendrix" und "I Swear" in den Charts zurückmeldete, lässt das keine Rückschlüsse auf die Tanzbarkeit von Fall and Rise of a Refugee zu. "Ob ich auch ein paar Tracks für die Clubs in petto habe? Du sprichst gerade mit dem Typen, der The Carnival gemacht hat! Ich habe ein paar der größten Dancefloor-Hits aller Zeiten produziert und ich werde damit weitermachen, weil ich weiß: genau das wollen die Leute von mir hören."

Bleib nur noch die Frage zu beantworten, wie Wyclef, der mittlerweile die 40 überschritten hat, ein solch hohes Tempo weitergehen kann. Auf diese Frage reagiert der Künstler mit Humor. "Die Vierziger sind im Hip Hop die neuen Zwanziger!", sagt er und bricht dabei in Lachen aus. Für seine positive Haltung gibt es gute Gründe. Die Beziehung zu den alten Fugees-Mitgliedern Lauryn Hill und Pras ist so entspannt, dass auch eine zukünftige Wiedervereinigung nicht ausgeschlossen ist und mit dem neuen Longplayer wird ein weiteres Kapitel aufgeschlagen.

"In meinem aktuellen Sound treffen die 90er Jahre auf die Gegenwart. Alles klingt sehr authentisch und soll die Fans an die Tracks erinnern, die sie lieben und die nun von mir in eine neue Klangwelt versetzt werden."

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